Floristin Marlene Englhart-Schweiger gab vor einigen Jahren ihren Blumenladen auf, um sich Pflanzen, Kräutern und deren Heilkraft zu widmen. Die gläubige Bibergin betätigt sich nebenbei als Kirchenpflegerin und führt mit ihrem „Hütt‘nzauber“ Singles zusammen. Auch ihre neue Anlaufstelle, die „Kräuterhütt’n“ in Grafing, kann sich über mangelndes Interesse nicht beklagen. Porträt einer Frau, die auf vielen Hochzeiten tanzt, aber ihr Ziel nie aus dem Auge verliert.

Wenn Marlene Englhart-Schweiger vor ihren Schalen und Kräutern steht, diverse Mischungen herstellt, getrocknetes Gewächs zermörsert oder eine Creme anrührt, erinnert sie an Magier, Apotheker oder Hexen aus alter Zeit. Marlene lacht: „Man darf mich gerne Kräuterhexe“ nennen, erklärt sie und ihre Augen funkeln übermütig. Den gängigen Vorstellungen einer Hexe – alt, hässlich, dunkel gewandet und mit einer großen Warze auf der Nase – entspricht sie allerdings nicht. Im Gegenteil: Marlene wirkt jugendlich, durchtrainiert und liebt leuchtende Farben. Die 55-Jährige könnte glatt als Modedesignerin durchgehen. Und sie ist quirlig wie ein Teenager. Scheint immer fünf Dinge gleichzeitig im Kopf zu haben und drei Dinge auf einmal zu machen. Multitasking eben.

Aber wenn es um Pflanzen geht, wird Marlene ruhig: „Ich beschäftige mich mit der Heilkraft von Kräutern. Und Frauen, die sich mit den Gaben der Natur auskennen, wurden immer schon ‚Hexen‘ genannt“, erklärt Marlene den Begriff.

Weiße Hexe
Im Kopf haben die meisten von uns – seit Hexenverfolgung und Grimms Märchen – nur die schwarze Hexe, die Kinder mästet und verspeist und unschuldige Seelen mit einem Fluch belegt. Dass es sich bei einer „Hexe“ aber eigentlich um eine weise Frau handelt, die die Kräfte der Natur zu nutzen weiß, um zu helfen und zu heilen, das dringt erst langsam wieder in unser Bewusstsein. Dieses Wissen von der Natur und ihrer Heilkraft, das seit der Industrialisierung großflächig verlorenging, hat sich glücklicherweise in einigen Schriften und Büchern erhalten. Wer sich aber noch nie mit diesem Thema beschäftigt hat, dem kann Marlenes Hantieren mit Kräutern und Pflanzen schon seltsam vorkommen. Von sympathischem Unverständnis bis zu totaler Ablehnung reicht die Palette, erzählt Marlene und nimmt es mit Humor. „Es gibt eben Menschen, die keinen Draht dazu haben“, erklärt sie. Bekehren möchte sie niemanden. Braucht sie auch nicht. Es gibt auch so immer mehr Leute, die sich von ihrer Arbeit und der Kraft der Natur faszinieren lassen.

Von der „Blumen-Marlene“ zur Kräuterhütt’n
Marlene, auf dem Land aufgewachsen, war schon früh klar, dass sie mit Pflanzen arbeiten wollte, in der Apotheke oder Drogerie vielleicht. Ihr handwerkliches Geschick, ihr Sinn für Farben und Formen ließen sie schließlich den Beruf der Floristin ergreifen. Und bald stellte sich der Erfolg ein. Sie konnte sich vor Anfragen nach Blumensträußen und -gebinden kaum retten. 29 Jahre lang kamen Kunden von nah und fern zu der geschickten Floristin. Irgendwann aber langte es der „Blumen-Marlene“, wie sie von allen genannt wurde. Sie hatte es satt mit Pflanzen zu arbeiten, die nicht natürlich gewachsen sind, sondern mit großem chemischem Aufwand gezüchtet werden. Es hungerte Marlene nach Naturbelassenem. Sie wollte mehr wissen über Kräuter und heimische Pflanzen, wollte „zurück zu den Wurzeln und zu Mutter Erde“ wie sie selbst sagt. Zum großen Kummer ihrer Kundschaft gab Marlene ihren Blumenladen schließlich auf und begann eine Ausbildung zur Phytologin.

Kirchenpflege und Singletreff
Seit nunmehr vier Jahren arbeitet Marlene mit Kräutern, führt auch schon lange wieder einen Laden: „Marlenes Kräuterhütt’n“ in Grafing bietet nicht nur Tees, Kräuter und Räucherwerk an; die Phytologin gibt dort auch ihr Wissen weiter, lädt zu Räucherkursen im Herbst und Winter, zu Kräuterwanderungen und vielem mehr im Frühjahr und Sommer. Daneben arbeitet die Frau mit der schier unerschöpflichen Energie auch als Kirchenpflegerin, kümmert sich um die Abläufe im Kirchenjahr und organisiert mit Unterstützung der Mesnerin die Feste. Die Kirchenverwaltung Biberg steht hinter ihr, auch wenn Marlene nicht immer die Meinung der Amtskirche teilt.

Energisch, durchsetzungsfähig und neugierig – das sind wohl die herausstechenden Eigenschaften der Bibergerin. Neugier auch auf Menschen und der Wunsch zusammenzuführen, was zusammengehört: Seit vielen Jahren veranstaltet Marlene Treffen für Singles. Lädt auf eine Berghütte und in gelöster Atmosphäre lernen alleinstehende Frauen und Männer einander kennen. So hat die muntere Bibergerin einige Ehen gestiftet. Fünf Paare freuen sich inzwischen sogar schon über ihr erstes Kind. Ohne Marlenes „Hütt’nzauber“ gäbe es dieses Glück möglicherweise nicht.

Vorbilder: Hildegard von Bingen, Maria Treben und Eva Aschenbrenner
Nimmermüde bildet sich die Floristin und Kräuterexpertin weiter fort. Sie hat schon zahlreiche Zertifikate erworben und ist immer noch begierig auf Erweiterung ihres Wissens. Selbst wenn Marlene einmal kürzer treten will oder muss, ihre Pflanzen wird sie nicht aufgeben: „Mit Kräutern kann ich bis ins hohe Alter arbeiten“, sagt sie: „Ich lerne immer mehr dazu und schöpfe aus einem ungeheuren Fundus an Wissen. Wissen, das uns von den Ahnen überliefert worden ist. Frauen wie Hildegard von Bingen, Maria Treben und Eva Aschenbrenner haben dieses Wissen vorgelebt und sind meine Vorbilder. Ich möchte, dass dieses Wissen nicht verlorengeht.“

Und so presst Marlene in ihren schon reichlich vollen Terminkalender immer noch einen Kurs hinein, wenn Kundinnen sie darum bitten. In ihrer Kräuterhütt’n gibt es Gutscheine für Kräuterwanderungen, Kosmetik- oder Räucherkurse und immer einen guten Tipp, um irgendwelche Wehwehchen aus dem Weg zu räumen. „Ich bin aber keine Heilerin und gebe kein Heilversprechen“, betont Marlene. Den Weg zum Arzt oder Apotheker kann und will sie niemandem ersparen.

Wer mehr über Marlene wissen will, sollte ihre Homepage besuchen: www.marlene-kraeuterhuettn.de

 

Silvana Pasquavaglio

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