Karateweltmeisterin Anette Christl (47) entdeckte durch einen Zufall die Sportart, in der sie Höchstleistungen erzielte und die sie bis heute fasziniert. Die gebürtige Hessin lebt und arbeitet heute als Coach und Mentaltrainerin auf dem Sunnamorhof in der Gemeinde Tuntenhausen im Ortsteil Innerthann.

Sportler in ihrer Ahnenlinie gibt es keine. Dennoch liebte es Anette Christl von Kindesbeinen an sich zu bewegen, sie turnte und schwamm gerne, begann früh zu reiten. „Ich bin ein Bewegungstalent“, lacht sie beim Erzählen. Zur Kampfkunst kam sie rein durch einen Zufall. Eine ihrer Freundinnen verliebte sich in einen Jungen. Dieser hatte sich zu einem Anfänger-Karatekurs angemeldet, die Freundin packte die Gelegenheit beim Schopfe und meldete sich ebenfalls an. Weil sie sich aber alleine dann doch nicht traute, bat sie Anette, mit ihr zusammen diesen vierwöchigen Karatekurs zu besuchen. Anette, damals fünfzehn Jahre alt, willigte ein. Für die Freundin ging der Plan nicht auf, der Junge zeigte keinerlei Interesse und das Mädchen brach den Kurs schnell wieder ab. Anette aber beendete den Kurs, blieb beim Karate und wurde mit 27 Jahren Weltmeisterin. „Ich bin sehr dankbar darüber, Karate ist bis heute meines geblieben.“

Bereits ihre ersten Wettkämpfe waren von Erfolg gekrönt. Sie gewann die Hessenmeisterschaft, wenig später stand sie bei der Deutsche Meisterschaft auf dem Siegerpodest. Was braucht es für so viel Erfolg? Die Sportlerin nennt Begabung, Fleiß, Leidenschaft, Durchhaltevermögen, Freude und Demut. Diese Qualitäten öffneten ihr die Tür zur deutschen Nationalmannschaft. Ihren Einstieg ins deutsche Team verdankt sie  - wieder einer Fügung. Auf Einladung nahm Anette am EM-Vorbereitung-Training der Nationalmannschaft teil. „Das war beinhart, aufregend, spannend“. In diesem hochkarätigen Training wurde ihr klar, wie kämpfen, verlieren und gewinnen funktioniert. „Da ist etwas in mir passiert, tief in meinem Inneren verstand ich, dass es im Wettkampf immer -einen Sieger und einen Verlierer gibt. Von da an ging ich in Kämpfe anders rein, war bereit, mich Niederlage und Sieg zu stellen.“ Drei Wochen nach ihrem Training mit der Nationalmannschaft kam ein Brief, der sie völlig überraschte. Eine nominierte Athletin hatte sich verletzt, konnte nicht antreten. „Anette, Du bist nominiert“, war im Brief zu lesen.

Neben ihrem Studium der Sportwissenschaften, das sie als tolles, aber auch anstrengendes Studium beschreibt, trainierte Anette jetzt täglich am Abend noch bis zu drei Stunden Karate für internationale Wettkämpfe. Es folgten die ganz großen Erfolge: mehrere Bronze- und Silber Medaillen bei Europameisterschaften (WKF -World Karate Federation) in den Kategorien Kumite-Damen +60 kg und Team.1995 holte sie im Einzel beim WKF- Worldcup in Frankfurt den World-Cup-Titel (Damen Einzel +60 kg) und 1996 mit dem Kumite-Team der Damen die Weltmeisterschaft (WSKA-World Shotokan Karate Association) in Los Angeles. Kumite bedeutet der Kampf zweier Athleten miteinander.

Anfangs war es noch wichtig für sie gewesen, schnell zu schlagen und zu siegen. Nach und nach rückte die Taktik in den Mittelpunkt. „Kampfkunst ist für mich ein innerer Kampf mit mir selbst“, sagt die Weltmeisterin, die nach wie vor trainiert. „Karate hilft mir, innere Mustern und Konzepte aufzulösen. Wenn ich den Kampf mit mir selbst verwandeln kann, hört die Konfrontation im Außen auf.“ Irgendwann mit 29 Jahren stellte sie sich dann auch die Frage, ob es für sie in der Nationalmannschaft noch passt. Mehr als den Weltmeistertitel gab es im aktiven Wettkampf nicht mehr zu erreichen, sie war verletzt und auch altersmäßig gehörte sie nicht mehr zu den jungen Sportlerinnen. „Ab 30 Jahren zählt man auch im Karate zu den Alten.“

Nach ihrem Rücktritt aus der Nationalmannschaft trainierte sie zehn Jahre als Kadertrainerin die Kumite-Athleten des Hessischen Landesverbandes. „Ich war die erste Frau, die in Deutschland als Landestrainerin gleichzeitig alle Altersklassen bei den Damen und Herren verantwortete.“ Anfangs wurde sie nur belächelt. „Wie – Hessen hat jetzt eine Frau?“ war von den männlichen Landestrainern der anderen 15 Bundesländer zu hören, denn es galt zu zeigen, dass eine erfolgreiche Athletin auch eine erfolgreiche Trainerin sein kann. „Die haben sie sich dann aber schnell angeschnallt“, freut sich Anette noch heute und ist zufrieden.

Mit großer Freude und der Motivation, Dinge auch anders zu machen, als sie es selbst erlebt hatte, betreute sie über 40 Athleten und Athletinnen. Zeitweise entsandt der Karate-Landesverband für die Disziplin Kumite bis zu acht Athleten und Athletinnen verschiedener Altersgruppen ins deutsche Nationalteam, die dann für Deutschland bei Europa- und Weltmeisterschaften kämpften und siegten.

Heute bringt Anette ihre Erfahrungen aus dem Karate als Coach sowohl auf dem Sunnamoarhof als auch vor Ort beim Kunden ein. Besonders am Herzen liegt ihr der Transfer in den Alltag. Sie zeigt Menschen, wie sich persönliche Grenzen verändern lassen, was sich dadurch entwickeln und entfalten kann und wie man auf dieser inneren Reise auch im Außen erfolgreich wird.

Susann Niedermaier

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