Milchkannen Foto fotolia Rechte erworben!


Als ich ein kleiner Bub war, schoben die Innerthanner Bauern die Milch im Dorfzentrum in 20 Liter Kannen zusammen, wo die gemeinsame Anlaufstelle für den Milchfahrer war, der sie abholte.  Damals gab es neun Milchbauern in Innerthann, die sich täglich trafen, um Neuigkeiten auszutauschen. Mittlerweile trifft man sich schon lange nicht mehr auf den Dorfplätzen, der Hoftank hat schon lange Einzug gehalten, der Milchfahrer muss zu jedem Betrieb fahren, um die täglich gemolkene  Milch abzuholen.

Fünf der ehemals neun  Bauern in Innerthann betreiben heute noch aktiv Milchwirtschaft, die Anzahl der Rindviecher verdoppelte sich in fast allen Betrieben. In anderen Dörfern, beispielsweise Schönau oder Hohenthann hat ein weit größerer Anteil die Milchviehhaltung aufgegeben.
Gemeindeweit gibt es derzeit noch etwa 75 aktive Milchbauern, die ihre Betriebe im Haupt- oder Nebenerwerb betreiben. Ungefähr 15 Landwirte haben sich im Laufe der Zeit entschlossen,  ihren Hof  auf biologische Landwirtschaft umzustellen. Über die Hälfte der Milchviehhalter aber haben im Laufe der letzten 30 Jahre für sich entscheidende Konsequenzen gezogen, ihre Flächen verpachtet und die Landwirtschaft aufgegeben.
Der  Hauptgrund für diese Entscheidung dürfte nicht nur  auf die verfügbaren Flächen und die Größe der Herde des Betriebes zurückzuführen sein.  Im  Vergleich zu Höfen außerhalb Bayerns verfügen einheimische Bauern über weit weniger Nutzgrund und folglich über viel kleinere Viehherden. Das  macht eine Aufstockung des Viehbestandes teurer, weil  die Pachtkosten  für  landwirtschaftlichen Nutzgrund zusätzlich zur  Stallerweiterung oft eine hohe Bürde darstellen. Die Pachtpreise  sind seit Einführung der Förderzahlungen für Acker und Grünland erheblich angestiegen.

Eingeläutet wurde der ländliche Strukturwandel  in den 70iger Jahren, als die ersten Stallbau-förderprogramme für Milchviehbetriebe angeboten wurden, mit der Absicht, die Selbstversorgung des Staates zu sichern. Hinzu  kam das Bestreben in der Rinderzucht, die Herdenleistung der Kühe zu steigern, was eine deutliche  Zunahme der Milchmenge zur Folge hatte.  Diese Entwicklung sorgte schließlich Anfang der 80iger Jahre für die viel zitierten Butterberge. Die Politik musste zum ersten Mal diesen Übermengen Einhalt gebieten. Als Ergebnis  präsentierten die politischen Entscheidungsträger das betriebliche Milchkontingent. Jedem Betrieb wurde nach 1983 ein individueller Prozentsatz, ausgehend von den erzeugten Mengen 1981 und 1983, abgezogen. Dies ergab ein Milchkontingent für jeden produzierenden Milchbauern. Ausgangslage waren die erzeugten Mengen in den Jahren 1981 und 1983. Nach diesen Maßzahlen wurde ein individueller Prozentsatz abgezogen. Für einigen Zündstoff sorgten die Härtefallregelungen für Landwirte, die nach dem 1.Juli 1978 ihren Stall neu errichteten. Sie bekamen einen Mengenzuschlag, während   Milchviehhalter mit kleinen Herden gleichfalls ihre ohnehin schon kleinen Bestände reduzieren mussten. Für einige „Kleinerzeuger“  war dies Anlass, ihre Milchviehhaltung aufzugeben.

Diese erste Mengenregulierung war Auftakt einer bis in die Gegenwart reichenden, viel diskutierten Milchpolitik, die nicht selten auf Unverständnis bei Landwirten stieß. Die Regulierung erfolgte in den damaligen Mitgliedsstaaten der EU. Mit der EU-Osterweiterung entstand bis in die Gegenwart ein kompliziertes „Machwerk“ an staatlicher Regulierung, da die mittlerweile 27 Mitgliederstaaten der Union sehr unterschiedliche Ausgangslagen in der landwirtschaftlichen Milchproduktion inne haben.
Ab dem Jahr 1991 gab es für  EU Bauern mit der Einführung des Mehrfachantrages eine weitere Neuerung. Primär, so wurde es den Landwirten suggeriert, gab es für die produzierenden Landwirte Geld, um den Preisverfall bei der Produktion auszugleichen. Aus heutiger Sicht plante man schon damals, in den Regionen der EU mit vielen kleinen Milcherzeugern einen Strukturwandel hin zu größeren Einheiten zu forcieren.
Die geförderten Landwirte gerieten im Laufe der Zeit immer mehr in Abhängigkeit dieser Fördergelder, weil die Einkommen aus Milch- und Fleischerzeugung stetig sanken.  Bei vielen Landwirten löst sowohl die Tatsache, das die Subventionen mittlerweile einen erheblichen Rahmen vom Gewinn eines Betriebes ausmachen, als auch der Umstand, ein „Aktenordner“ der landwirtschaftlichen Behörden und in Folge sehr gläsern zu gelten, wenig Freude aus. Die umfangreichen Kontrollgänge für  erhaltene Fördergelder -  Cross Compliance – stecken die Landwirte in eine weitere Zwangsjacke.

Nicht wenigen Landwirten ist es mittlerweile ein Dorn im Auge, als Subventionsempfänger im Visier der Öffentlichkeit zu stehen.  Was die breite Öffentlichkeit nicht mitbekommen hat: das Groß der Fördergelder haben große Konzerne und Betriebe – die aus der Landwirtschaft gut Kapital schlagen- erhalten. Im Vergleich wurden die in unseren Regionen hauptsächlich agierenden Familienbetriebe  in Wahrheit zu den viel zitierten „Almosen“ – Empfängern degradiert. Die Fördergelder werden durch die in den letzten 10 Jahren teilweise stark eingebrochenen Preise für die Milcherzeugung zu unbefriedigenden Ersatzzahlungen.

Die Agrarpolitik des letzten Jahrzehnts der EU hat deutlich werden lassen, wohin die Reise schon seit 1991 hinzielte. Aus den vielen Familienbetrieben in der EU sollen größere und rentablere Einheiten  die Milchproduktion sicherstellen, gleiches gilt für die Molkereien, die zu Großkonzernen  fusionieren sollen. Die Marktführer der Branche haben das vorexerziert und fusionierten zum Deutschen Milchkontor. Ein Konzern dieser Größe kann durch seine Milchpreispolitik den Markt entscheidend beeinflussen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Preis zum Wohle des Milcherzeugers gestaltet, ist als eher gering anzusehen.
Durch dieses staatliche Management lassen sich viel billigere Milchprodukte für die Verbraucher herstellen und in den Discountern anbieten. Die Konsumenten können in der Konsequenz ihr Geld anderweitig verwenden. Das Wort von Planwirtschaft machte an Bauern-Stammtischen und Versammlungen immer öfter die Runde.

Wenn sich aus ökologischen oder auch ethischen Gründen kein Umdenken bei den Entscheidungsträgern einstellt, ist wahrscheinlich zu befürchten, dass sich diese Entwicklung bei der Rinderhaltung hin zu Großbetrieben, wie sie in der Geflügel- und Schweinemast  fast ausschließlich anzutreffen ist, fortsetzen wird. Die  Bauern von Morgen müssen sich diesen Tatsachen unweigerlich stellen.

Fraglich bleibt, ob Landwirte in unserer Region, in unserer Gemeinde, zukünftig für den eigenen Betrieb individuell Lösungen finden, um weiter mit der Konkurrenz aus dem Norden mitzuwachsen, oder ob es andere Alternativen, Betriebszusammenlegungen, Umstieg auf ökologische Landwirtschaft oder andere  Produktionsmöglichkeiten für die künftigen Landwirte gibt.
Ob eine industrialisierte Landwirtschaft mit dem gravierenden Strukturwandel in unseren Dörfern die  Lebensqualität auf dem Lande erhalten kann, wird die Zukunft weisen und der ein oder andere größere Zweifler darf erlaubt sein.

Josef Berger

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